Warum sagen wir das so?

Lange Zeit habe ich nichts geschrieben, aber ich habe immerhin Wörter gesammelt, vor allem beim Radiohören in der Küche. Nun denke ich darüber nach, warum wir heutigen Menschen solche Wörter benutzen.

Augenhöhe wird hier schwierig
Danke an Rainer für das schöne Foto!

„Auf Augenhöhe“

Freuen wir uns, dass unsere Sprache bisweilen so bildhaft sein kann. Wer statt „gleichberechtigt“ sagt: „auf Augenhöhe“, hat ein abstraktes Wort veranschaulicht. Originell ist das zwar nicht, weil es sehr oft benutzt wird, aber der Hörer hat ein Bild vor dem inneren AUGE. Wenn allerdings ein Gesprächspartner einen halben Meter größer ist als der andere, ist das Bild nicht unbedingt zu empfehlen.


„Gerne!“

Bei manchen Wendungen liegt die Lösung nah. So hört man oft als Erwiderung auf einen Dank das Wort „gerne“. Das ist kürzer als „gern geschehen“ und noch kürzer als der ganze Satz „Das habe ich doch gern gemacht.“ Früher war häufig „keine Ursache“ zu vernehmen, doch das scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein. Der Grund, warum Leute „gerne“ auf einen Dank erwidern, ist dann wohl die Bequemlichkeit. Das kann ich verstehen.

„Halloooo?!“

Leider kann ich die Intonation nicht entsprechend wiedergeben. Wer so „hallo“ sagt, zeigt zwei Gefühle gleichzeitig: Überraschung und Entrüstung. Eigentlich ist dieses „hallo“ zwar eine Begrüßung, doch wenn es regelrecht gesungen wird, ist es etwas anderes. Hier ist ein Übersetzungsvorschlag: „Was soll das denn? Das lasse ich mir aber nicht bieten!“ Der Gruß wird zum Schlachtruf. Wie erklärt man das jemandem, der unsere Sprache lernen will? Wer diesen Ruf benutzt, will Dampf ablassen. Er benennt den Zornesgrund nicht und so ist auch eine Klärung des Problems nicht möglich. Wie schade!

„Chapeau“

„Chapeau“ ist das französische Wort für „Hut“ und mit Ausrufungszeichen versehen bedeutet es ein anerkennendes „Hut ab!“. Auch in diesem Fall lobe ich die bildliche Ausdrucksweise. Die Wahl des französischen Ausdrucks anstelle des deutschen kann ich allerdings nicht loben. Ich bin kein extremistischer Sprachreiniger. Wenn sich Fremdwörter einbürgern, finde ich das gut. Aber wer versteht schon ein französisches Wort? Und stellen Sie sich vor, dass jemand einen anderen loben will – und der versteht das nicht.

Manchmal reizt es mich "claque" (ausgesprochen: klak) zu sagen, wenn jemand "Chapeau" sagt. "Chapeau claque" bedeutet nämlich Klapp-Hut, und damit fällt die Redensart gleich wieder in sich zusammen.

„Stück weit“

Früher sagte man „ein bisschen“ oder „ein wenig“, jetzt sagt man „ein Stück weit“. Das ist ein Wort mehr, und noch dazu ein lästiges Substantiv. Diese Redewendung, die ich für ausgestorben hielt, habe ich in der letzten Zeit so oft gehört, dass sie mir über ist. Warum sagen Leute das so? Mir fällt dazu nur ein, dass „ein wenig“ unbestimmt ist, während „ein Stück“ eine vermeintliche Begrenztheit hat. Der Satz: „Ich bin ein Stück weit davon überzeugt.“ soll dann wohl heißen, dass ich den genauen Prozentsatz der Überzeugung kenne, aber nicht sage. Das kann ich alles nicht verstehen. Es gefällt mir nicht. Was ich allerdings schön finde, ist die Google-Übersetzung des Ausdrucks: „a block far“ („einen Block weit“; in ghanaischem Englisch wäre das „einen Ziegelstein weit“).

„Luft nach oben“

Eine Beziehung mit Luft nach oben – das bedeutet wahrscheinlich, dass sie verbesserungswürdig ist. Gerade habe ich bei der Google-Suche 500.000 Nennungen für „Luft nach oben“ gefunden (natürlich in Anführungszeichen). Es handelt sich oft um versteckte Kritik. Ich ziehe direkte Kommunikation vor.

„Ich sag‘ das mal so“

Wer „Ich sag‘ das mal so“ benutzt, schafft Distanz zum Gesagten. Dahinter steckt: „Vielleicht meine ich es ja gar nicht so.“ Es ist ein Spiel mit Wahrheit und Unwahrheit. Außerdem hat es etwas Pompös-Umständliches: ich sage, dass ich etwas sage. Diese Floskel finde ich äußerst überflüssig.

Sprache lebt und sie verändert sich. Ich hoffe, dass einige der genannten Redewendungen bald wieder in Vergessenheit geraten. Bis dahin höre ich mir Audiodateien aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts an: „Alle Wetter! Der Anzug ist ja kurant.“

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