Und alles wird gut

Ein paar weitere Ausdrücke sind mir in den letzten Wochen aus dem Küchenradio und im Supermarkt in die Ohren gekommen.

Alles wird gut, liebe Gänse!
Bald ist Weihnachten!
(Danke an Ina, dass ich ihre Gänse fotografieren durfte)


„Alles wird gut“

Stellen Sie sich vor, Ihnen geht es richtig schlecht: Job verloren, Partner weggelaufen und auch noch Hühneraugen. Sie erzählen das einem Freund. Der wartet gar nicht erst ab, bis Sie die ganze Geschichte erzählt haben, sondern sagt möglichst schnell: „Alles wird gut!“.


Wirkliches Mitfühlen sieht anders aus. „Alles wird gut“ ist meist vorgespieltes Mitgefühl und Zweckoptimismus. Übersetzen kann man die Floskel mit: „Ich habe jetzt keine Lust mehr mir Deine blöde Leidensgeschichte anzuhören. Sei gefälligst etwas fröhlicher, damit ich wieder mit Dir über vernünftige Sachen reden kann.“

Außerdem hat das für mich auch etwas Eltern-Ich-haftes: „Das tut doch gar nicht weh, ich puste gleich mal und dann ist das weg, Du kleines Dummerchen.“

„Absolut“ und „Definitiv“

Interviewer: „Sie sind also für die Mumifizierung von Maikäfern?“
Interviewter: „Absolut!“ (schwere Betonung auf erster Silbe) PAUSE „Ich habe sogar….“
Oder: „Definitiv!“

Eigentlich bedeutet „absolut“ ja „losgelöst“, aber wovon? Heißt das, das der Interviewte so absolut für die Mumifizierung von Maikäfern ist, dass er nichts mehr anderes macht?

Und was bedeutet die Antwort „definitiv“? Vielleicht heißt das, dass keine Diskussion mehr möglich ist, der Prozess ist abgeschlossen.

Früher hat man auf solche Fragen mit einem schlichten „ja“ geantwortet, meist ohne nachfolgende Kunstpause. Für die besondere Betonung gab es „ganz und gar“ – das wurde aber nur selten benutzt.

„Realisieren“

Wenn man einen Plan umsetzt, realisiert man ihn. Dieses Realisieren kann ich nachvollziehen. Jetzt macht sich eine zweite Bedeutung breit:

„Er wird das schon realisieren, dass ich ihm sein Essen nicht mehr vor die Nase stelle.“

„Realisieren“ soll hier „merken, wahrnehmen“ heißen. Im Englischen wird „to realize“ auch so verstanden, aber für die deutsche Sprache war mir das bisher nicht bekannt.

Mir gefällt der neue Gebrauch nicht, denn er kompliziert die Sprache.

„Zeitnah“

„Zeitnah“ ist ein praktisches Wort, denn es verspricht nicht viel. Wenn Sie einem Kunden sagen „Das werden wir zeitnah lösen.“, dann haben Sie keinen Termin genannt und Sie haben auch nicht „schnell“ oder „zügig“ gesagt.

„Zeitnah“ kann man nicht reklamieren.

Mir ist auch nicht ganz klar, wie das Wort gemeint ist: Komme ich der Zeit nah? Oder ist etwas nah in der Zeit? Wenn ja, nach vorn oder nach hinten gerichtet? Ist ein Geschehnis vielleicht nah an der Zeit? Ist die Zeit an sich gemeint, als philosophischer Begriff, oder eher Greenwich Mean Time? (Oder für die Altphilologen: Welcher Zeitgott ist gemeint, Chronos oder Kairos?)

„Suboptimal“

Wenn etwas schlechter ist als das Beste, dann ist es „suboptimal“. Im eigentlichen Wortsinn kann man das auf die Hochschulnote 1,3 anwenden und heulen, weil es keine 1,0 geworden ist.

Im heutigen Sprachgebrauch ist mit “suboptimal“ aber eher die 4,0 gemeint oder sogar die 5,0. Das Wort wird meist verhöhnend benutzt. „Das ist suboptimal gelaufen.“ hat oft die unterschwellige Botschaft: „Das war ganz großer Mist.“.

Der Gebrauch von „suboptimal“ erscheint mir als verschleiernd und nicht wertschätzend.


So, jetzt reicht es. Soll sich doch ein anderer beklagen:
"Als sich der Mensch die Sprache schuf
In seiner Sünden Wildnis,
Was konnt sein Werk wohl anders sein
Denn seines Jammers Bildnis?"
(Otto zur Linde, Die Sprache, in: Die Kugel. Eine Philosophie in Versen, Gr. Lichterfelde, 1909, zitiert nach: https://www.gutenberg.org/files/20965/20965-h/20965-h.htm#Page_38 )


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