Thorsten Havener: Ohne Worte

Meine Freundin Iris meinte neulich: "Du interessierst Dich doch für Körpersprache. Willst Du dieses Buch mal mitnehmen? Ich habe es schon durch." Es handelte sich um folgende Publikation:
Thorsten Havener, Ohne Worte. Was andere über dich denken, Reinbek 2014.
Havener ist ja recht bekannt durch seine unterhaltsamen Auftritte als "Körperleser". Hier ist der Link zum Video auf YouTube:

https://youtu.be/E9FNgJ7CzKs

Ich wäre nach Anschauen der Videos ehrlich gesagt nicht darauf gekommen, mir ein Buch dieses Autors zu kaufen. Die Bühnenshows fallen bei mir in die Kategorie "nett".

Und dann habe ich das Buch zu lesen begonnen...
...und fand auf Seite 36 die so genannte Mehrabian-Formel zitiert, also folgende Angelegenheit: Für den Eindruck, den wir auf andere Menschen machen, seine zu 7% die Worte verantwortlich, zu 38% der Tonfall und zu 55% die Körpersprache. Das war's - dachte ich - und wollte das Buch zur Seite legen, denn ich konnte es ja nicht in die Papiertonne werfen, weil es nicht meines ist.

Gegen den ersten Impuls habe ich weiter gelesen und Herr Havener klärt im Folgetext die Angelegenheit vollkommen korrekt und quellentreu auf. Da hat er mich an der Nase herumgeführt.

Das Buch habe ich zu Ende gelesen und ich finde es nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich. Es ist gut gelungenes Edutainment. Havener versucht gar nicht erst, uns die Interpretation von Körpersprache als wissenschaftlich fundiert zu verkaufen.

Ganz anders als in der klassischen Körpersprache-Lehre heißt es hier nicht z.B.: "Wer die Arme verschränkt, ist abweisend." Havener spricht davon, dass man das Verhalten eines Menschen über einige Zeit beobachten soll und so dann Abweichungen von dessen Standard feststellen kann. Er gibt zahlreiche Beispiele dafür.

Außerdem weist er auf die Bedeutung der Füße hin. Wer täuschen will, hat die Bewegung seiner Arme meist unter Kontrolle, wird aber in den seltensten Fällen auf seine Füße achten. Den Gedanken fand ich interessant.

Für mich ist die klassische Interpretation der Körpersprache schon längst out. Ein wissenschaftlicher Ansatz zur Interpretation ist für mich nicht in Sicht, außer vielleicht der vielversprechende Ansatz von Paul Ekmans "Facial Action Coding System". Zum Erkennen der Körpersprache braucht man Einfühlungsvermögen, Erfahrung und wahrscheinlich auch Talent, nicht aber ein Lexikon der körperlichen Ausdrucksformen.

Die Lektüre hat mir Spaß gemacht. Danke, Iris!

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